Bergbau in der Tiefsee – weit weg, aber dennoch entscheidend

25. Februar 2025

Wusstest du, dass wir mehr über die Oberfläche des Mondes wissen als über die Tiefsee? Dies zeigt, wie wenig wir über den größten Lebensraum unseres Planeten, den Ozean, wissen, obwohl er eine zentrale Rolle für das Leben auf der Erde spielt. Er bietet Nahrung, sichert Einkommen und reguliert das Klima. Doch genau dieses fragile und gleichzeitig lebenswichtige Ökosystem steht zunehmend unter Druck: Bergbau in der Tiefsee rückt stärker ins Zentrum globaler Diskussionen.

Seit 2023 sind wir ein Unterzeichner des Moratoriums zum Tiefseebergbau und haben darüber berichtet. Seitdem hat sich viel getan – und doch bleibt die Tiefsee ein Ort voller offener Fragen und ungelöster Konflikte. In diesem Update werfen wir einen Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen und beleuchten, warum die Debatte um den Tiefseebergbau längst nicht nur Wissenschaft und Politik betrifft, sondern auch uns alle.

Dafür haben wir Tim-Frederik Hahn gebeten, die neuesten Entwicklungen zu erklären und aufzuzeigen, worauf es jetzt ankommt. Tim forscht und promoviert an der Universität Bremen zur europäischen Debatte vom Tiefseebergbau. Lieber Tim, vielen Dank für deine Bereitschaft uns einen kleinen Überblick zur aktuellen Debatte zu geben!

Wie würdest du den aktuellen Stand der politischen Debatte zum Thema Tiefseebergbau auf globaler und europäischer Ebene beschreiben?

Grundsätzlich muss dabei zwischen nationalen Gewässern, welche in der Zuständigkeit einzelner Länder liegen und den internationalen Gewässern, für welche die Internationale Meeresbodenbehörde zuständig ist, unterschieden werden. Auf globaler Ebene haben sich 32 Staaten gegen den Tiefseebergbau ausgesprochen. Von diesen 32 Staaten sind 14 europäische Staaten. Sich gegen den Tiefseebergbau auszusprechen, meint dabei, dass die Staaten entweder ein Moratorium, eine „precautionary pause“ oder im Falle von Frankreich einen Bann des Tiefseebergbaus unterstützen. Während Bergbaufirmen für einen Abbau werben und viele Nichtregierungsorganisationen dagegen Position beziehen ist es so, dass eine Erkundung der Möglichkeiten des Tiefseebergbaus stattfindet, es aber noch kein grünes Licht für einen kommerziellen Abbau gibt. Die Internationale Meeresbodenbehörde ist dabei ein Regelwerk zu erstellen unter welchen Voraussetzungen Tiefseebergbau eventuell möglich ist, hat dies jedoch noch nicht abgeschlossen. Auf nationaler Ebene hat bisher nur Norwegen geplant Tiefseebergbau in naher Zukunft in eignen Gewässern zu erlauben. Aber auch Norwegen hat seine Vorhaben im vergangenen Dezember pausiert. 2025 ist dabei ein spannendes Jahr, da zum einen die internationale Meeresbodenbehörde ihr Regelwerk vollenden möchte und andererseits eines der führenden Tiefseebergbauunternehmen angekündigt hat 2025 erstmalig eine Bewerbung, um kommerziellen Tiefseebergbau betreiben zu können einreichen möchte.

Welche konkrete Rolle nimmt Deutschland in der europäischen und internationalen Diskussion um Tiefseebergbau ein?

Deutschland ist ein führender Akteur in der Erforschung der Tiefsee und besitzt von der internationalen Meeresbodenbehörde Lizenzen für das Erforschen der Tiefsee in internationalen Gewässern. Deutschland hat sich jedoch 2022 für eine „precautionary pause“ beim Tiefseebergbau ausgesprochen und will bis auf weiteres keine Anträge auf kommerziellen Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee unterstützen. Auch auf internationaler Ebene setzt sich Deutschland für einen besseren Schutz der Tiefsee und das Vorsorgeprinzip ein. Das Vorsorgeprinzip bedeutet frühzeitig und vorausschauend zu handeln, um Belastungen der Umwelt zu vermeiden.

ROV Team/GEOMAR (CC-BY 4.0) ebenso wie Beitragsbild

Gibt es derzeit bereits Produkte oder Technologien, die Materialien aus dem Tiefseebergbau enthalten? Wenn ja, wie häufig kommen wir als Verbraucher damit in
Berührung?

Es ist noch kein kommerzieller Tiefseebergbau erlaubt und somit gibt es auch noch keine Produkte, die Rohstoffe vom Meeresboden verwenden. Mit den Metallen, die in Zukunft auch am Meeresboden abgebaut werden könnten, kommen Verbraucher*innen jedoch sehr häufig in Kontakt. Sie werden etwa in Smartphones oder Elektroautos verwendet.

Wie können einzelne Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag zum Schutz des Tiefsee- Ökosystems leisten? Gibt es konkrete Handlungsoptionen oder Initiativen, die unterstützt werden können?

Einzelne Bürger*innen können sich insbesondere durch das Auseinandersetzen mit dem Thema Tiefseebergbau, das Unterstützen verschiedener NGOs oder durch das generelle Unterstützen von Recycling und umweltfreundlichem wirtschaften in ihrem Alltag einbringen.

Was war für dich persönlich die größte Überraschung oder Erkenntnis in deiner Forschung oder während deiner Recherchen zum Tiefseebergbau? Gab es unerwartete Wendungen oder neue Perspektiven?

Als ich angefangen habe mich dem Thema auseinanderzusetzen fand ich besonders zwei Dinge faszinierend. Zum einen wie wenig wir über die Tiefsee wisse und wieviel die Forschung mit jedem neuen Tauchgang in der Tiefsee herausfindet. Zum anderen fand ich es spannend wie viele kleine und große Unternehmen sich gegen den Tiefseebergbau ausgesprochen haben.

Was stimmt dich optimistisch, wenn du an die Zukunft des Tiefsee-Ökosystems und die globalen Bemühungen zur Regulierung des Tiefseebergbaus denkst? Gibt es Beispiele
für Fortschritte oder positive Entwicklungen?

Insbesondere drei Entwicklungen könnten meiner Meinung nach den Ökosystemen der Tiefsee zugutekommen. Zum einen die Wahl der brasilianischen Ozeanografin Leticia Carvalho als Chefin der Internationalen Meeresbodenbehörde. Sie folgt dem eher als wirtschaftsnah und pro-Tiefseebergbau geltenden Michael Lodge nach und ihre Wahl ist mit großen Hoffnungen der Umweltschützer verbunden. Zum anderen gibt es ein starkes Engagement von NGOs und eben auch von Unternehmen gegen den Tiefseebergbau, welches immer weiter zunimmt. Und drittens verändern sich die Voraussetzungen für den Verbrauch von Mineralien. Die Forschung an alternativen Techniken sowie mehr Recycling könnten in Zukunft dazu führen, dass die Mineralien, die am Meeresboden abgebaut werden sollen vielleicht gar nicht mehr benötigt werde.

Zum Abschluss noch ein Video-Tipp: Die Environmental Justice Foundation hat einen Beitrag produziert, der das Thema Tiefseebergbau aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und Menschen weltweit zu Wort kommen lässt. Auch wir hatten die Möglichkeit, unsere Sichtweise zu teilen – ein sehenswertes Porträt über die Auswirkungen und Herausforderungen dieses wichtigen Themas.

 

 

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